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Salutogenese
und
deren Förderung durch achtsamkeitsbasierende Therapieansätze
1. Das Konzept der Salutogenese
Salutogenese heißt wörtlich Erzeugung von Gesundheit und bezeichnet Wege
zur Erhaltung und Erzeugung von Gesundheit.
Salutogenese ist der Leitbegriff in Antonovskys umfassenden Ansatz zur
Begriffsbestimmung von Gesundheit. Das salutogenetische Konzept wurde
1979/1987 in Weiterführung des Stressmodells von Richard Lazarus durch den
Medizinsoziologen Aaron Antonovsky als Gegenstück zum Begriff der
Pathogenese entwickelt.
Der herkömmliche, pathogenethische Ansatz fragt danach, was krank macht,
um die krankmachenden Ursachen und Symptome zu finden und zu beseitigen
bzw. sie zu vermeiden sowie zu heilen. Gesundheit ist hier letztlich nur
Abwesenheit oder Freisein von Krankheit.
Im gesundheitsorientierten Konzept der Salutogenese fragt man nicht mehr,
was einen krank macht, sondern umgekehrt, was eigentlich gesund erhält und
gesund macht.
Warum bleiben so viele Menschen trotz hoher Belastungen gesund? Was genau
befähigt sie, gesund zu bleiben, Stressoren zu widerstehen oder auch sich
nach Erkrankung zu erholen? Und, wie wird jemand mehr gesund und weniger
krank? Gesundheit wird hier - wie in der WHO Definition - als
eigenständiger Wert definiert. Menschen sind zwar ständig im
unterschiedlichen Grad gesund, sie leben in einem mehr oder weniger
stabilen Gleichgewicht von Störung und Verbesserung. Sie verfügen jedoch
individuell unterschiedlich – über persönliche Ressourcen und
Widerstandkräfte, die sie stabil bzw. gesund erhalten.
Gesundheitsförderung besteht deshalb im salutogenetischen Ansatz darin,
die stabilisierenden, gesunden Anteile und Kraftquellen in den Vordergrund
zu stellen, d.h. sie zu benennen, aktiv zu begünstigen und sich
entsprechend zu verhalten.
Flussmetapher
Antonovsky illustriert sein Konzept mit dem Bild eines gefährlichen
Flusses, in dessen Strömungen, Stromschnellen, Strudeln und Windungen sich
die Menschen in einem ständig bedrohten gesundheitlichen Gleichgewicht
befinden. Gleich einem Rettungsschwimmer würde ein ärztlicher Therapeut
mit seiner pathogenetisch ausgerichteten Medizin versuchen, einen
Ertrinkenden aus dem Strom zu retten.
In der Salutogenese hingegen will man den Menschen ermöglichen, zu
schwimmen, gut und besser zu schwimmen. Dieses gute Schwimmen wird für
Antonovsky dadurch möglich, dass die Menschen grundsätzlich Schwimmer
sind. Sie verfügen über geistig-seelische Fähigkeiten und
Sinnorientierungen, um mit Herausforderungen, Problemen und Bedrohungen
umgehen zu können. So können sie gesund bleiben bzw. sich wieder erholen.
Gesundheitsvorsorge und Gesundheitsförderung sind nach Antonovskys
Metapher gleichsam Schwimmtraining. Der Lebensfluss bleibt so gefährlich,
wie er nun einmal ist, allenfalls benötigen manche Schwimmer Schonräume
zum Erinnern und Üben eigener Fähigkeiten sowie Hilfestellung zur
Verbesserung ihrer Schwimmtechniken.
Generelle geistig-seelische Einstellungen
Der Organismus ist nach Antonovsky's salutogenetischen Konzept bestrebt,
zumindest ein Gleichgewicht zwischen bedrohlichen und
gesundheitsförderlichen Anteilen zu erreichen. Gesundheit bzw. Gesundung
wird durch den Zusammenhang von drei dauerhaften geistig-seelischen
Grundorientierungen bzw. Einstellungen (Sense of Coherence=
Kohärenzerleben oder Kohärenzgefühl) befördert, über die gesunde Menschen
in besonders ausgeprägter Weise verfügen:
Aaron Antonovsky Definierte dieses
Kohärenzgefühl folgendermaßen :
„Das
Kohärenzgefühl ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem
Ausmaß man ein durchdringendes, dynamisches Gefühl des Vertrauens hat,
dass die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und
äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind;
einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese
Stimuli stellen, zu begegnen; diese Anforderungen Herausforderungen sind,
die Anstrengung und Engagement lohnen.“
Verstehbarkeit:
Umwelt, Situationen, Ereignisse,
Entwicklungen, andere Menschen und auch das eigene Selbst werden erlebt
als irgendwie strukturiert, geordnet, verstehbar, erklärbar und in
gewisser Weise als vernünftig vorhersagbar. Welt und Selbst erscheinen
nicht als schicksalhaft und unergründlich.
Handhabbarkeit/Bewältigbarkeit:
Vor dem Hintergrund der Verstehbarkeit
erwächst der Eindruck von Handhabbarkeit. Man hat gleichsam die
Gewissheit, generell über geeignete Ressourcen und Hilfsquellen zu
verfügen, um innere und äußere Herausforderungen, Probleme und
Schwierigkeiten tatsächlich meistern zu können. Dazu können eigene
Ressourcen, Helfer oder höhere Mächte beitragen.
Sinnhaftigkeit / Bedeutsamkeit:
Bei dieser wichtigsten Komponente geht es um
das Ausmaß, in dem jemand sein Leben, seine Biographie, sein Tun, seine
Ziele und Werte als sinnvoll, interessant und lebenswert erachtet. Deshalb
lohnen sich Einsatz und Engagement, auch wenn nicht alles so klappt, wie
man es sich manchmal vorstellt.
Stressoren und Widerstandsressourcen
Gleich den Stromschnellen, Strudeln und
Untiefen des gefährlichen Lebensflusses sind die Menschen zahlreichen
Stressoren ausgesetzt. Diese müssen ver- und bearbeitet werden. Sie
richten nur dann keinen Schaden an, wenn sie adäquat bearbeitet
werden können.
Bei der Verarbeitung von Stressoren bzw. der Bearbeitung von
Stressreaktionen helfen neben gut ausgeprägten generellen Einstellungen
(Kohärenzgefühl) persönliche Widerstandsressourcen, die es im
salutogenetischen Ansatz aufzufinden und zu fördern gilt.
Was Antonovskys Konzept der Salutogenese aber
schuldig blieb ist wie das Kohärenzgefühl gesteigert und damit die
Gesundheitsentstehung gefördert wird. Ja wie wird jemand zu einem besseren
Schwimmer.
Genau dahingehend greifen
Achtsamkeitsbasierende Therapieansätze.
2. Mechanismen von Achtsamkeit und deren
Einfluss auf das Kohärenzgefühl
Exposition
Achtsamkeit ist gekennzeichnet durch eine offene und nicht-beurteilenden
Beobachtung aller gegenwärtigen Erfahrungen. Auch vor unangenehmen oder
schmerzhaften Erlebnisinhalten sollen keine Vermeidungs- oder
Fluchtversuche unternommen werden.
Bei verschiedenen Erkrankungen (chronischen Schmerzen, Stress, Angst- und
Panikstörung..) könnte die unvoreingenommene Einstellung gegenüber
Symptomen zu einer größeren Toleranz gegenüber negativen emotionalen
Gefühlen und zu einer effektiveren Bewältigung dieser beitragen. Folge
davon könnten Reduktionen übermäßiger emotionaler Reaktionen auf die
Symptome sein. Auch wenn die Stärke der Symptome nicht reduziert wird,
können die emotionalen Belastungen, die mit der Erkrankung einhergehen,
durch die achtsame Haltung gelindert werden (KabatZinn )
Kognitive Umstrukturierung
Eine achtsame Haltung schult verschiedene Fähigkeiten, die eine kognitive
Umstrukturierung bewirken können. Die Beobachtung, dass Gedanken und
Gefühle keine angemessenen Abbildungen der Realität sind sowie die
Beobachtung der permanenten Veränderung von Gedanken und Gefühlen kann die
Beziehung zu den Erlebnisinhalten grundlegend verändern (Baer, Taesdale)
bezeichnet die Fähigkeit, alle Gedanken unvoreingenommen zu betrachten
auch als "MetakognitiveFähigkeit".
Diese Einsicht kann bei verschiedenen Störungsbildern einen wichtigen
Beitrag zur Verbesserung des Bewältigungsverhaltens leisten. Kristeller
und Hallett (1999) betonen, dass Adipositas-Patienten oft negative
Selbstgedanken verspüren. Essattacken können als unangemessenes
Fluchtverhalten vor der Auseinandersetzung mit negativen Selbstgedanken
gedeutet werden. Eine in diesem Fall offene, Nichtwertende und
Nichtidentifizierende Haltung gegenüber den negativen Selbstgedanken kann
zu einer Akzeptanz der Gedanken als bloße Gedanken führen. Die Gedanken
verlieren damit an Bedeutung und ein Flucht- oder Vermeidungsverhalten ist
nicht mehr nötig (Heatherton & Baumeister).
Auch in Untersuchungen zu chronischen Schmerzen ist zu beobachten, dass
die Reduktion der Schmerzempfindungen auf ein verändertes Denkmuster oder
eine veränderte Einstellung gegenüber den Schmerzempfindungen
zurückzugehen scheint (Kabat-Zinn, 1982).
Selbstgesteuerte Verhaltensregulation
Eine achtsame Einstellung fördert die Entwicklung von angemessenem
Bewältigungsverhalten. Da Achtsamkeit das Bewusstsein für alle
gegenwärtigen Erlebnisinhalte erhöht, können auch erste Anzeichen von
Problemen oder Krankheitssymptomen, z.B. von einer Depression, erkannt
werden. Wird Achtsamkeit als Bewältigung frühzeitig eingesetzt (vgl.
Kapitel 5.2), ist die Chance der Prävention am größten (Taesdale, 1999b).
Eine achtsame Einstellung ermöglicht durch Wahrnehmen und Beobachten von
Erlebnisinhalten und Umweltgeschehen auch das Erkennen von
Verhaltenskonsequenzen. Damit kann eine effektive Verhaltensänderung z.B.
die Reduktion von impulsivem und maladaptivem Verhalten, sowie der Aufbau
von angemessenem Verhalten unterstützt werden (Linehan). Außerdem hebt
Linehan hervor, dass Achtsamkeit die Kontrolle der Aufmerksamkeit erhöht.
Für Individuen, die Probleme mit der Beendigung von Aufgaben haben, Z.B.
auf Grund negativer Stimmung, kann eine achtsame Haltung das Fokussieren
der Aufmerksamkeit auf die Aufgabe des gegenwärtigen Augenblicks
verbessern.
Akzeptanz
Hayes (1994) diskutiert Akzeptanz als zentrales Konzept für psychologische
Interventionen. Viele Interventionen fokussieren die Veränderung oder
Beseitigung von unerwünschten Symptomen durch die Manipulation oder
Kontrolle der Symptome. Durch die Fokussierung auf die Kontrolle von
Symptomen werden unkontrollierbar erscheinende Ereignisse jedoch oft noch
bedrohlicher und nicht erfolgreiche Kontrollversuche führen zu erhöhtem
Stressempfinden. Als Folge wird oft maladaptives Verhalten eingesetzt um
die Symptome doch noch zu kontrollieren; Z.B. ist es möglich, dass ein
Patient mit Panikattacken zu Drogen und Alkohol greift, wichtige
Aktivitäten vermeidet oder eine unangemessene Empfindlichkeit gegenüber
körperlichen Empfindungen aufbaut (Baer, 2003). Achtsamkeit akzeptiert
dagegen negative Gedanken, Gefühle und Symptome ohne sie zu verändern, vor
ihnen zu flüchten oder sie zu vermeiden. Dadurch ändert sich die Beziehung
zu den Erlebnisinhalten und ihre Bedeutung. Die Erlebnisinhalte an sich
werden aber nicht verändert (Hayes, 1994).
Die Akzeptanz von Panikattacken und die Beobachtung, dass sie zeitbegrenzt
und nicht gefährlich sind kann zu der Erkenntnis führen, dass sie zwar
unangenehm sind, aber dass ihre Akzeptanz langfristig sinnvoller ist als
die bedrohliche Erfahrung von Kontrollverlust und die Kosten von
maladaptivem Verhalten (Baer, 2003).
Entspannung
Eine Zielvorstellung wie Entspannung kann zu der Manipulation von Gefühlen
und Gedanken führen und bei Nicht-Erreichen des Ziels weitere Spannungen
und Stressempfindungen auslösen. Achtsamkeit akzeptiert die Dinge so, wie
sie sind. Auch autonome Erregung, Gedankenrasen, Muskelspannung und andere
Phänomene, die mit Entspannung nicht vereinbar sind, werden achtsam
wahrgenommen und akzeptiert. Als Folge davon kann sich als Nebenprodukt
eine Reduktion der Erregung sowie innere Ruhe und Entspannung einstellen (Kabat-Zinn,
2003).
Weiterführende Informationen
Wickipedia
Salutogenese
Aaron Antonovsky "Salutogenese: Zur Entmystifizierung der Gesundheit"
Klaus Jork, Nossrat Peseschkian "Salutogenese und Positive Psychotherapie"
Heidenreich u Michalik "Achtsamkeit und Akzeptanz in der Psychotherapie"
Andersen-Reuster Ulrike "Achtsamkeit in Psychotherapie und Psychosomatik"
Segal, Williams, Teasdale "Die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie der
Depression"
Noll Andreas "Stresskrankheiten: Vorbeugen und behandeln mit chinesischer
Medizin"
Platsch Klaus Dieter "Psychosomatik in der Chinesischen Medizin"
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